Digitaler Produktpass: Was KMU jetzt vorbereiten sollten
Der Digitale Produktpass wird zu einem zentralen Baustein der europäischen Kreislaufwirtschaft. Er soll Informationen über Produkte, Komponenten und Materialien digital verfügbar machen – beispielsweise zu Herkunft, Materialzusammensetzung, Reparierbarkeit, Umweltleistung und Recycling. Welche Angaben im Einzelnen erforderlich sind, wird jedoch nicht pauschal, sondern schrittweise für einzelne Produktgruppen festgelegt. Grundlage ist die seit Juli 2024 geltende EU-Ökodesignverordnung für nachhaltige Produkte.
Zahlreiche industrielle Wertschöpfungsketten sind langfristig betroffen. Im ersten Arbeitsplan der EU für 2025 bis 2030 stehen insbesondere folgende Industrien im Mittelpunkt:
- Textil- und Bekleidungsindustrie, zunächst mit Schwerpunkt auf Bekleidung und Schuhen
- Möbelindustrie
- Reifenindustrie
- Matratzenindustrie
- Eisen-, Stahl- und Aluminiumindustrie
Für bestimmte Batterien wird bereits ab Februar 2027 ein Batteriepass verpflichtend. Auch die Bau-, Elektro- und Elektronikindustrie sowie Hersteller von Materialien und Komponenten müssen sich darauf einstellen, künftig strukturierte Produkt- und Lieferkettendaten bereitzustellen. Selbst Unternehmen, die keinen eigenen Produktpass erstellen müssen, können als Zulieferer zur Übermittlung der erforderlichen Daten verpflichtet sein.
Was bedeutet das für die fünf vorgenannten Industrien?
Für Textilien, Bekleidung und Schuhe soll der Digitale Produktpass Informationen über Materialien, Faserzusammensetzungen, Herkunft, eingesetzte Stoffe sowie Möglichkeiten zur Reparatur und zum Recycling verfügbar machen. Unternehmen sollten deshalb ihre Produkt- und Lieferkettendaten strukturieren und sicherstellen, dass Informationen eindeutig einzelnen Artikeln und Varianten zugeordnet werden können.
In der Möbelindustrie kann der Digitale Produktpass Materialien, Beschichtungen, Bauteile und Herkunftsnachweise über den gesamten Lebenszyklus dokumentieren. Er soll zudem Informationen bereitstellen, die Reparatur, Wiederverwendung, Demontage und ein hochwertiges Recycling erleichtern.
Für Reifen werden unter anderem Informationen zu Materialzusammensetzung, Haltbarkeit, Leistungsmerkmalen und Recyclingfähigkeit relevant. Hersteller und Zulieferer müssen sich darauf vorbereiten, Daten zu Rohstoffen und Produktionsprozessen strukturiert zusammenzuführen und entlang der Wertschöpfungskette bereitzustellen.
Bei Matratzen soll der Digitale Produktpass transparenter machen, aus welchen Schäumen, Textilien, Metallen oder weiteren Materialien ein Produkt besteht. Diese Angaben können die Demontage, Rücknahme und stoffliche Verwertung erleichtern und zugleich die Grundlage für langlebigere und kreislauffähigere Produktkonzepte schaffen.
Bei Eisen, Stahl und Aluminium dürfte der Digitale Produktpass vor allem die Herkunft, Zusammensetzung und Umweltwirkung der eingesetzten Werkstoffe transparenter machen. Relevant werden insbesondere Angaben zu Produktionsverfahren, CO₂-Emissionen und Recyclinganteilen, die auch von nachgelagerten Branchen wie dem Maschinenbau, der Automobil- oder der Bauindustrie benötigt werden.
Die entsprechenden delegierten Rechtsakte müssen noch erlassen werden. Erst darin werden der konkrete Geltungsbereich, die verlangten Daten und weitere produktspezifische Vorgaben festgelegt. Nach Verabschiedung eines delegierten Rechtsakts ist laut EU-Kommission eine Übergangsfrist von mindestens 18 Monaten vorgesehen.
Technisch wird die Infrastruktur bereits konkreter: Im Juli 2026 hat die Europäische Kommission das EU-Register für Digitale Produktpässe einschließlich einer Testumgebung in Betrieb genommen. Unternehmen können in der Testumgebung bestimmte Abläufe erproben, z. B. die Registrierung eines Unternehmens, das Anlegen und Verwalten von DPP-Registrierungen, die Verwendung eindeutiger Produkt- und Unternehmenskennungen, oder auch die technische Anbindung an das Register.
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Unternehmen müssen noch keine endgültige Softwarelösung für den Digitalen Produktpass auswählen. Sie sollten jedoch prüfen, ob sie die künftig benötigten Produkt-, Material- und Lieferkettendaten zuverlässig erfassen und bereitstellen können. Je nach Branche können dazu beispielsweise Angaben zu Werkstoffen, Zusammensetzung, Herkunft, Umweltwirkungen, Haltbarkeit, Reparatur, Demontage oder Recycling gehören.
Ein sinnvoller Einstieg besteht aus fünf Schritten:
- Betroffene Produkte und Rollen bestimmen: Welche Produkte könnten unter die kommenden Vorgaben fallen? Tritt das Unternehmen als Hersteller, Importeur, Händler oder Zulieferer auf?
- Datenbestände erfassen: Wo liegen relevante Informationen heute – etwa im ERP-System, in Produktdatenblättern, Tabellen, Prüfberichten, Zertifikaten oder bei Lieferanten?
- Datenqualität prüfen: Sind Materialien, Bauteile und Produkte eindeutig bezeichnet? Sind Angaben aktuell, vollständig und einzelnen Produkten, Varianten, Chargen oder Seriennummern zuordenbar?
- Lieferanten und Kunden einbeziehen: Welche Informationen müssen künftig von vorgelagerten Partnern bezogen und an nachgelagerte Unternehmen weitergegeben werden? Fehlende Daten sollten frühzeitig identifiziert und verbindlich angefordert werden.
- Pilotprojekt starten: An einem ausgewählten Produkt lässt sich erproben, wie Daten zusammengeführt, aktualisiert und über einen geeigneten Datenträger, etwa einen QR-Code, zugänglich gemacht werden können.
Nicht auf alle Details warten
Für die priorisierten Branchen aus dem ersten Arbeitsplan stehen noch nicht sämtliche Pflichtfelder und technischen Vorgaben fest. Dennoch empfehlen wir, bereits vor der Verabschiedung der jeweiligen produktspezifischen Rechtsakte mit den Vorbereitungen zu beginnen. Die größte Herausforderung liegt meist nicht in der Erstellung eines QR-Codes, sondern in der strukturierten Erfassung, Pflege und Weitergabe verlässlicher Produkt- und Lieferkettendaten. Unternehmen, die jetzt Zuständigkeiten klären, Datenlücken schließen und den Austausch mit Lieferanten und Kunden vorbereiten, schaffen zugleich die Grundlage für weitere Anwendungen. Dazu gehören eine bessere Rückverfolgbarkeit, automatisierte Nachweise, transparentere Wertschöpfungsketten, effizientere Reparatur- und Recyclingprozesse sowie neue zirkuläre Geschäftsmodelle.
Ist Ihr Unternehmen auf den Digitalen Produktpass vorbereitet? Wir unterstützen Sie dabei, relevante Daten, Zuständigkeiten und erste Umsetzungsschritte in den Blick zu nehmen. Sprechen Sie uns gern an: kontakt@mdz-sk.de.