Transparenz statt Silos: Wie der Digitale Produktpass die Textillieferkette verändert
Transparenz in der Lieferkette ist längst nicht mehr nur eine Herausforderung für große Unternehmen – auch kleine und mittlere Unternehmen müssen ihre Daten entlang der Wertschöpfungskette nachvollziehbar aufbereiten. Das fränkische Startup wagner+thummerer gmbh (TURNS) hat sich dafür in den vergangenen Wochen gemeinsam mit dem Institut für Textiltechnik RWTH Aachen (ITA) auf künftige Anforderungen durch einen Digitalen Produktpass vorbereitet.
Mit Florian Pohlmeyer, ITA, haben wir darüber gesprochen, warum es für Unternehmen bereits jetzt sinnvoll ist, sich auf den digitalen Produktpass vorzubereiten und welche Schritte gegangen werden sollten.
Smarte Kreisläufe: Herr Pohlmeyer, der Digitale Produktpass (DPP) wird voraussichtlich ab 2027 schrittweise in der EU eingeführt, wobei die Pflicht für bestimmte Produktgruppen wie Batterien und Textilien zuerst beginnt. Worum geht es dabei genau?
Florian Pohlmeyer: Den Digitalen Produktpass kann man sich als Art digitalen Steckbrief eines Produkts vorstellen. Er enthält etwa Informationen über Materialien, Chemikalien, Herkunft, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit. Ziel ist es, ein transparentes Datengerüst zu schaffen, das entlang des gesamten Lebenszyklus eines Textilprodukts mitgeführt wird. Der besondere Wert liegt darin, dass Daten, die bislang isoliert in Silos liegen, erstmals standardisiert erfasst und für Konsumenten, Behörden, Recycler und Unternehmen verfügbar gemacht werden.
Smarte Kreisläufe: Wenn jetzt noch nicht feststeht, wie der Digitale Produktpass ausgestaltet sein wird, warum befassen sich Unternehmen trotzdem bereits jetzt schon mit dem Thema?
Florian Pohlmeyer: Die Definition eines Digitalen Produktpasses ist tatsächlich noch in Bewegung. Im kommenden Jahr erwarten wir die ersten konkreten Vorgaben. Allerdings empfehlen wir Unternehmen – egal ob groß oder klein – sich jetzt schon mit dem Thema zu befassen.
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Smarte Kreisläufe: Womit konkret?
Florian Pohlmeyer: Unternehmen tun gut daran, sich schon jetzt einen Überblick über ihre im Unternehmen erhobenen Daten zu verschaffen und sich dadurch auf die neuen Anforderungen vorzubereiten. Ein Unternehmen mit seinen verschiedenen Abteilungen wie Produktdesign, IT, Vertrieb und Verkauf erhebt wahrscheinlich seine Daten in verschiedenen Datensystemen. Abteilungsübergreifend auf seine Produkte zu schauen, Dateisysteme zu prüfen und den Datentransfer zu harmonisieren, ist nicht von heute auf morgen erledigt. Betriebe können also jetzt schon loslegen und später, wenn die gesetzlichen Regularien feststehen, feinjustieren. Die dadurch steigende Datenqualität ist auch schon ganz ohne Digitalen Produktpass sehr vorteilhaft.
Smarte Kreisläufe: Diesen Gedanken hatte auch das Unternehmen TURNS aus Franken, mit dem Sie aktuell als Partner vom Mittelstand-Digital Zentrum Smarte Kreisläufe zusammen mit dem Mittelstand-Digital Zentrum Franken ein Projekt dazu durchführen. Worum geht es dabei?
Florian Pohlmeyer: Das Team von TUNRS möchte seine Lieferketten für seine Kunden mithilfe einer digitalen Anwendung sichtbar machen. Dabei sollen auch nachhaltigkeitsbezogene Daten erhoben werden, wie sie wahrscheinlich auch für den Digitalen Produktpass später zu erheben sind. Bei diesem Part konnten wir das Unternehmen mit unseren Erfahrungen aus der Mitarbeit am Lieferkettendemonstrator des Zentrums Smarte Kreisläufe unterstützen.
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Smarte Kreisläufe: Und wie haben Sie sich diesem Thema angenähert?
Florian Pohlmeyer: Zuerst einmal gab es eine Abfrage der verschiedenen relevanten Stufen der Lieferkette. Das sind bei der Herstellung von Textilien schnell mal eine ganze Menge: von der Sammlung und Sortierung ausgemusterter Textilien über das Recycling bis hin zum Spinnen neuer Garne und Weben neuer textiler Flächen. In einem weiteren Schritt haben wir bewertet, welche Daten an diesen Stationen erhoben und für den Digitalen Produktpass genutzt werden können. Dabei geht es zum Beispiel darum, wie viel Energie, Wasser und Chemikalien an welchem Punkt der Kette verwendet werden.
Smarte Kreisläufe: Welchen Mehrwert haben Unternehmen wie TURNS davon? Ist der Digitale Produktpass eher eine Bürde oder ein Benefit?
Florian Pohlmeyer: Aus meiner Sicht eher Benefit, da Datenqualität gesteigert wird. Außerdem schafft das Unternehmen Transparenz – für sich und seine Kunden. Wir unterstützen hier dabei, die Qualität der Daten zu bewerten und Lücken zu erkennen. Wenn das Unternehmen später seinen CO₂- oder Wasserfußabdruck angeben muss, hat es die dafür relevanten Daten schneller griffbereit. Aber natürlich ist das Ganze erst einmal mit Aufwand verbunden.
Smarte Kreisläufe: Und wie geht es mit der digitalen Anwendung weiter?
Florian Pohlmeyer: Hier kommt das Team vom Mittelstand-Digital Zentrum Franken ins Spiel. Gemeinsam mit TURNS werden entlang der entscheidenden Stufen der Lieferkette hochwertige 360-Grad-Aufnahmen erfasst. Auf dieser Grundlage baut dann die geplante Visualisierung auf. Parallel dazu werden in enger Zusammenarbeit mit dem Mittelstand-Digital Zentrum Franken die spezifischen Anforderungen für die Entwicklung von Backend und Frontend definiert. Die fertige Anwendung soll anschließend direkt in die Unternehmenswebsite integriert werden. Die präzise Definition der softwaretechnischen Anforderungen markiert dabei einen wesentlichen Meilenstein, um eine technisch verlässliche, praxisorientierte und zugleich benutzerfreundliche Softwarelösung zu realisieren.
Smarte Kreisläufe: Wir sind gespannt, wie das schlussendlich aussehen wird. Vielen Dank für das Gespräch!
Praxisbeispiel: Lieferkettendemonstrator
Anhand des Lieferkettendemonstrators des Mittelstand-Digital Zentrums Smarte Kreisläufe wird dargestellt, wie der DPP in der Praxis funktionieren kann: Von der Datenerfassung bis zur transparenten Nachverfolgung von Produktinformationen über verschiedene Stufen der Lieferkette hinweg. Mehr erfahren Sie hier. Bei Fragen wenden Sie sich gern an uns: kontakt@mdz-sk.de.