Umweltmanagement und Controlling mit KI unter einen Hut bringen
Nicht nur Wirtschaftlichkeit, auch gesetzliche Regulierungen sowie steigendes Umweltbewusstsein beeinflussen unternehmerisches Handeln. Der gesamte Lebenszyklus eines Produkts wird von so vielen Faktoren beeinflusst, dass es kaum möglich ist, fundierte Entscheidungen ohne digitale Unterstützung zu treffen. Wertschöpfungsketten sind häufig so komplex, dass es gerade kleine und mittlere Unternehmen enorm herausfordert, den notwendigen bürokratischen Aufwand zu stemmen, diese Daten zu sammeln, auszuwerten und miteinander in Beziehung zu bringen.
Das Mittelstand-Digital Zentrum Smarte Kreisläufe ist ein Netzwerk aus Experten, die täglich für genau solche Herausforderungen passende Lösungen finden. Wir sprachen mit Florian Pohlmeyer, vom Partner Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen University (ITA) darüber.
Herr Pohlmeyer, seit 2017 unterstützt das ITA im Rahmen von Mittelstand-Digital Unternehmen dabei, ihre Wettbewerbsfähigkeit mit digitalen Innovationen zu stärken. Wo sehen Sie die häufigsten Stolpersteine?
Florian Pohlmeyer: Für Unternehmen wird es nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch im Sinne der Kunden immer wichtiger, Entscheidungen nicht nur auf wirtschaftlicher Basis zu treffen. Zusätzlich verlangt der Gesetzgeber immer mehr Nachweise darüber, ob ökologisch nachhaltig gehandelt wird. Dabei ist die Datenmenge, auf der diese Entscheidungen basieren, desto größer, je globaler die Wertschöpfungskette ist.
Können Sie uns einmal ein Beispiel für solche eine Entscheidungsfindung nennen, bitte?
Natürlich: Stellen Sie sich vor, Sie führen hier in Deutschland eine Kaffeerösterei. Sie möchten nicht nur von Ihrem Angebot leben können. Ihr Produkt soll auch qualitativ hochwertig sein und die Umwelt möglichst wenig belasten. Nehmen wir einen Cappuccino – Wo und wie wird der Kaffee angebaut? Sozial fair? Ökologisch nachhaltig? Holen Sie ihn mit dem Flugzeug oder mit dem Schiff, mit dem LKW oder mit dem Zug? Im Laden bietet man Coffee-to-Go an. Dann benötigt der Kunde einen Becher, den er mitnehmen kann. Einweg oder Pfand? Oder doch eher selbst mitgebrachte Gefäße? Vegane Milch oder konventionell? Zucker? Nutzen Sie Ökostrom? Diese Fragen beeinflussen nicht nur das Produkt, welches Sie anbieten, sondern auch dessen Preis. Und das ist natürlich nicht nur bei Kaffee so, sondern bei allen Produkten.
Wenn man alle diese Faktoren in Beziehung bringen, darauf basierend Entscheidungen treffen und sie für Berichtspflichten nachhalten möchte, ist man als KMU stark herausgefordert. Denn dafür sind extrem viele Daten erforderlich.
Warum? In Zeiten der Digitalisierung kann man sich doch digital unterstützen lassen und eine Software dafür verwenden.
Das ist richtig. Allerdings ist das schwieriger als gedacht. Sämtliche Informationen kommen aus unterschiedlichen Quellen und haben verschiedene Formate. Diese sind nur selten miteinander kompatibel. Die Auswertungen zu automatisieren, ist bisher keine einfache Aufgabe. Oft liegen die Daten sogar schon vor – in irgendwelchen Systemen und Quellen. Aber es ist herausfordernd, sie einheitlich zusammenzuführen.
Was denken Sie, wie man diese Herausforderung stemmen kann?
Um die Vielfalt an Datenquellen und -formaten zu bewältigen, brauchen wir ein innovatives, konfigurierbares sogenanntes Data Mapping Tool. Damit könnten alle Daten in eine gemeinsame Sprache übersetzt werden – und zwar so, dass keine Informationen verloren gehen und alles eindeutig nachvollziehbar bleibt. In diesem einheitlichen Standard könnten sie problemlos genutzt, verglichen und weiterverarbeitet werden. Außerdem sind sogenannte Metadaten für eine hohe Datenqualität enorm wichtig, um zu verstehen was die Daten eigentlich bedeuten.
Sie meinen, eine Art Dolmetscher?
Ja, genau. Um diesem Dolmetscher beizubringen, von einer Sprache in die andere zu übersetzen, müsste man erst einmal untersuchen, welche digitalen Systeme überhaupt genutzt werden – zum Beispiel welche Software für den Einkauf, welche für die Kundenverwaltung oder für das Tracking zum Beispiel vom Energieverbrauch. Es ist wichtig, zu verstehen, wie diese Programme Daten speichern und austauschen. Auf dieser Grundlage kann ein flexibles Werkzeug aufgesetzt werden, das Daten aus unterschiedlichen Systemen automatisch in ein gemeinsames Format überführen kann.
Ok, dann haben alle Daten eine gemeinsame Sprache. Aber wie geht es dann weiter? Wie organisieren Sie diese Menge an Daten dann?
Mit frei verfügbaren Open-Source-Tools wie dem „AAS Manager“ lassen sich digitale Zwillinge – sogenannte Asset Administration Shells oder auch Verwaltungsschalen – erstellen. Dieser Zwilling bildet ein Produkt oder einen Prozess digital nach, inklusive wichtiger Informationen wie CO₂-Ausstoß oder Kosten. Die Lösung basiert auf Bausteinen, die man flexibel erweitern kann – also ideal, um sie in verschiedene Unternehmen und Systeme einzubinden. Mit speziellen Funktionen könnten die Zwillinge direkt im AAS-Manager erstellt und die Daten wiederum in andere Systeme exportiert und dort weiterverarbeitet werden.
Sie können dann also beispielsweise in die Controlling-Software eingespielt werden.
Genau. Oder in eine Software, die daraus Nachhaltigkeitsberichte oder andere gesetzlich geforderte Nachweise erstellt. Die Erkenntnisse aus dem Tool fließen aber auch direkt in die Produktentwicklung ein, etwa durch bessere automatisierte Kennzahlenberechnungen. Besonders hervorzuheben sind die ökologischen und ökonomischen Vorteile: Unternehmen können durch die transparente CO₂- und Kostenverfolgung Ressourcen sparen, nachhaltiger wirtschaften und regulatorischen Anforderungen effizienter begegnen.
Und ganz wichtig: Nicht nur Kaffeeliebhaber kommen hier auf ihre Kosten. Das Tool kann in jedem Unternehmen, egal in welcher Branche angewendet werden.
Vielen Dank, Herr Pohlmeyer, für dieses interessante Gespräch.
Interessieren Sie sich ebenfalls für digitale Themen? Sprechen Sie uns gern an: kontakt@mdz-sk.de. Wir gehen mit Ihnen in den Erstkontakt und vermitteln den Kontakt zu einem passenden Partner aus unserem Netzwerk.